Besinnungsweg

Ein meditativer Spaziergang durch unsere Kirchengemeinde

Die Idee entstand vor einigen Jahren in Südtirol bei einer Wanderung mit Freunden, als wir den “Besinnungsweg zum Sonnengesang des hl. Franz von Assisi” bei den Wasserfällen von Sand in Taufers hinaufstiegen, dort, wo das Reintal zur Meditation einlädt und die Riesenfernergruppe die Bergsteiger grüßt. Immerhin sind steile dreihundert Höhenmeter zu bewältigen; dazwischen Orte der Stille mit Kunstwerken, den Versen des Sonnengesangs entsprechend. “Es würde mich reizen,” meinte ich zu meinem Freund, als er wieder einmal stehen blieb, um den Vogelstimmen zu lauschen, “so einen Weg durch unsere Kirchengemeinde zu finden!” “Probier’s aus!” meinte er lakonisch. “Ich kenne eure Gemeinde zu wenig; ich weiß nicht, ob das geht!”

Er hatte Recht: Laufamholz ist nicht Südtirol!

Die Gegend ist flach und sandig. Das böse Wort von der “Streusandbüchse” geht immer noch um, obwohl nur ein Drittel der Reichswaldböden wirklich sandig sind und die Landschaft rechts und links der Pegnitz bei Hammer durchaus ihren Reiz hat. Außerdem fehlt die Ruhe; Tag und Nacht ist die nahe Autobahn zu hören und die Laufamholzstraße trennt in ihrer ganzen Länge Naturlandschaft und Siedlungsgebiet am Stadtrand der alten Noris. Nicht nur der alte Ortskern von Laufamholz, auch der neue Stadtteil Rehhof machen unmißverständlich klar: Veränderung ist angesagt, Tradition muss in einer schnelllebigen Zeit erst wieder neu ihren Ort finden, um Zukunft mitzugestalten.

Manchmal bedarf es eines Anstoßes von außen, um eine Idee umzusetzen; in diesem Fall das Jubiläum “100 Jahre Vorstadtverein Laufamholz”. Für die kleine Festschrift sei auch ein Beitrag der evangelischen Kirche willkommen, hieß es. An einen Rückblick auf die letzten 25 Jahre war ursprünglich gedacht, für Liebhaber von Chroniken eine sehr schöne Idee, für Mitarbeiter auf den verschiedenen Gebieten der Gemeindearbeit ein aussichtsloses Unterfangen - und eine Fortführung der alten “Pfarrbeschreibung” auf wissenschaftlicher Basis verhindert der Gemeindealltag.

Aber ein “Besinnungsweg?” - Einen Versuch ist es allemal wert!

Im Rückblick auf vergangene Zeiten schreibt der Schriftsteller Charles Pèguy: “Die Leute verlangten Brot und man hat ihnen Gebete gegeben. Heute verlangen sie Gebete, und man gibt ihnen Brot.” Im Zeitalter der Globalisierung brauchen die Menschen beides: “Was nützt es, wenn einem die ganze Welt zu Füßen liegt, man aber mit seinem Herzen dafür büßen muss? Was hat der Mensch Kostbareres als sein Herz?” (Matthäusevangelium Kapitel 16, Vers 26)

 

Wer sich auf den Weg macht, um Spuren des Glaubens zwischen den Straßen und Häusern von Laufamholz zu suchen, wird nicht die “ganze Welt” kunstgeschichtlicher Schätze “gewinnen”, aber er kann besinnlichen Augenblicken begegnen und so “Schaden an seiner Seele” mildern! Wann die beste Zeit für den “Besinnungsweg” ist? Jede Jahreszeit ist geeignet. Die Tageszeit muss jeder selber für sich finden. Die Morgenstunden eines Ferientages? Laue Sommerabende, wenn die Sonne spät untergeht und die Vögel, die im Grün der Bäume, Hecken und Sträucher nisten, ihr Abendlied singen? Wenn das Etikett “verkehrsberuhigte Zone” mit der Realität übereinstimmt und sich die Parkplätze der Moritzbergstraße Richtung “Laufamholzer Plärrer” ziemlich geleert haben?

 

In jedem Fall ist die Bank bei den großen Bäumen vor der HEILIG-GEIST KIRCHE, oberhalb der Treppen, ein guter Platz, um sich eine Zeit der Stille zu gönnen. Wer hier sitzt, kehrt ‘der Welt’ buchstäblich den Rücken zu. Dass die Bäume inzwischen ausgewachsene, durch eine Verordnung geschützte, Riesen sind, eigentlich zu nahe an der Sandsteinmauer stehen, dass das Kirchenbauamt fürchtet, die Wurzeln könnten in die Kanalisation wachsen, dass die in die Dachrinne der Kirche wuchernden, ausladenden Äste immer wieder zurückgeschnitten werden müssen, dass der Wind, eigentlich zu jeder Jahreszeit, Blätter von den Zweigen fegt und sie ohne Rücksicht auf Zäune, Mauern oder Wege, in der Gegend umherwirbelt - das alles bleibt dem Besucher verborgen!

Er lässt lieber den Blick entlang der kleinen “Barackenkirche” wandern. Architektonisch gehört sie zu den wenigen sog. “Notkirchen”, unmittelbar nach den Kriegsjahren erbaut; diese hier als “Heilig - Geist - Kirche” 1948. Ein Provisorium ist sie schon lange nicht mehr, bis zum heutigen Tag gehört sie unverwechselbar zum alten Ortskern von Laufamholz. Erbaut wurde sie aus zwei amerikanischen Militärbaracken. Eine kaufte die Gemeinde, die andere bekam sie geschenkt. Daraus entstand diese Kirche, überwiegend “in Eigenleistung” erbaut - als neuzeitliche Variante der Friedensbotschaft des Propheten Jesaja: “Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen...und sie werden hinfort” - hoffentlich! - “nicht mehr lernen, Krieg zu führen.” (nach: Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 2, Vers 4)

Wer weiß schon, dass die drei GLOCKEN, verborgen im Glockenstuhl des angebauten Turmes, zu den ersten Glocken gehören, die nach dem 2. Weltkrieg in Nürnberg wieder läuteten? Pfr. Dr. Däschlein erinnerte bei der Glockenweihe “an den Abschied, den die Gemeinde von der großen Glocke des früheren Kirchleins nehmen musste, die der Krieg als Tribut verlangte, und weist auf die Bombennacht im August 1943 hin, da die zweite Glocke beim Niederbrand des Gotteshauses zerschmolzen war. Aber die Sehnsucht war aufgebrochen, nicht nur nach einer neuen Kirche, sondern auch nach neuen Glocken. Bereits 1947 wurden die Glocken bestellt. Die Kirchengemeinde zu St. Egidien schenkte Glockenerz von einer ihrer zerstörten Glocken, die Stadt Nürnberg gab zwei kleinere Glocken und eine Familie der eigenen Gemeinde ebenfalls eine kleine Glocke”, vermeldet die Chronik. “So war zu hoffen, daß die neuen Glocken bereits die Einweihung des neuen Gotteshauses einläuten würden... Leider wurde diese Hoffnung nicht erfüllt. Wieder haben treue Gemeindeglieder geholfen und ihre Spende gegeben aus freudigem Herzen...Die größte Glocke wiegt 13 Zentner und ist die ‘Lob- und Dankglocke’. Sie trägt die Aufschrift: ‘In ernster Zeit dem Herrn geweiht’, um den Kranz die Inschrift: ‘Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen’. Die zweite Glocke, 9 Zentner schwer, ist die ‘Gebetsglocke’ mit der Inschrift: ‘Lasset uns anhalten am Gebet’. Die kleine Glocke, nur 5 Zentner schwer, ist die ‘Totenglocke’ mit dem Schriftwort: ‘Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen.’ Bis zum heutigen Tag führt das Läuten dieser Glocken zu den Wurzeln des Glaubens und erinnert daran, dass auch unsere Lebenszeit in Gottes Händen geborgen ist.

Neben dem Eingang zur Kirche ein MAHNMAHL FÜR DEN FRIEDEN. Die Inschrift ist zeitlos und aktuell zugleich: “Im Gedenken an die Toten der Gemeinde und der Vorstadt Laufamholz in den Weltkriegen zu Ehren der Gefallenen, der Opfer von Gewalt und Terror, des Luftkrieges, der Flucht und der Vertreibung.” Es ist gut, dass sich alljährlich am Volkstrauertag die Menschen zu einem ökumenischen Friedensgebet treffen. “Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ und “das Erdreich werden” am Ende nicht die Tyrannen, sondern “die Sanftmütigen besitzen”; so hat es Jesus in der Bergpredigt verheißen!

Über der alten HOLZTÜRE mit Kreide der alte Segensspruch “Christus Mansionem Benedicat”. Am Epiphaniasfesttag, dem Fest der Erscheinung Christi - im Volksmund “Heilig drei König” genannt -, besuchen die Sternsinger unseren Gottesdienst. Dann werden die Zeichen +C+M+B+ mit Kreide an die Türe geschrieben. Die Anfangsbuchstaben des Segens erinnern auch an die Namen der drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar. Die Jahreszahl ergänzt die Inschrift.

Wir betreten nun, vorbei an den schmiedeeisernen Opferstöcken, durch den kleinen Vorraum das Kirchenschiff. Unser Augenmerk richtet sich auf die Balkeninschrift: “Selig sind die das Wort Gottes hören und bewahren.“ Die schlichten GLASFENSTER des Kirchenschiffes, in Grisailletechnik gearbeitet, tauchen den Raum in gedämpftes Licht. Wir gehen nach vorne, bis vor die breite Stufe, die auf ihrer ganzen Länge das Kirchenschiff vom Chorraum trennt.

Altarszene 2
Bildrechte: KG-Heilig-Geist

Unser Blick fällt auf den ALTAR MIT SEINEN BILDERN. Dass alles sehr einfach gearbeitet ist, tut der Schönheit dieses Kunstwerks keinen Abbruch, zumal sein “Programm” Elemente der griechisch- orthodoxen Kirche anklingen lässt und eine Fülle von Symbolen, von Sinnzeichen des Glaubens, enthält. Während auf den Seitenflügeln Szenen des Heilsgeschehens dargestellt sind, zeigt das zentrale Altarbild CHRISTUS IN DER MANDORLA. Ein geschwungenes Wolkenband, gemalt in der Tradition des 15. Jahrhunderts, trennt Christus in seiner Herrlichkeit vom Kosmos mit Sonne, Mond und Sternen. Der gekreuzigte und auferstandene Herr in der Mandorla, d.h. in einem mandelförmigen Nimbus, thront auf einem stilisierten Regenbogen. Seine stigmatisierte Rechte ist zum Segen erhoben; mit der Linken stützt er das “Buch des Lebens” auf seinem Knie. PAX VOBIS - “Friede sei mit euch!” lautet seine Botschaft, wie sie in den Evangelien niedergelegt ist. Wer die Evangelistensymbole ENGEL (= Matthäus), LÖWE (=Markus) und STIER (= Lukas), ADLER (= Johannes) miteinander verbindet, stößt auf das Zeichen des Kreuzes in der X - Form des Andreaskreuzes und erinnert an die Leidensnachfolge, bis hin zum Martyrium. Christus ist hier nicht als Weltenrichter, der ‘hinrichtet’ dargestellt, sondern als erhöhter Herr, der ‘aufrichtet,’ mit den Füßen ruhend auf der Verheißung Gottes im Bund mit Noah: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um des Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (aus 1. Buch Mose, Kapitel 8, Verse 21 und 22)

Als wollte der damalige Kunstmaler Lange von Nürnberg dieses Versprechen verstärken, hat er auf der untersten Altartafel den gebogenen Querbalken des Kreuzes so gemalt, dass Jesus den Kreuzesbalken durch die Kraft der Erlösung biegt, um noch in seiner Ohnmacht am Kreuz die Menschen in die Arme schließen zu wollen.

Altarszene 1
Bildrechte: KG Heilig-Geist

Das Bild gegenüber zeigt die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. Interessant sind die Details im Hintergrund:

Der Hirsch, der aus dem Jordan trinkt und gegenüber die Lebensbäume, die an das Paradies erinnern oder an das Wort des Propheten Jeremia: Ein Mensch, der sich “auf den Herrn verlässt, der ist wie ein Baum am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hinstreckt. Denn obgleich die Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, sondern seine Blätter bleiben grün; und er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt.” (Buch des Propheten Jeremia, Kapitel 17, Vers 8)

Diesen Trost braucht der Mensch, denn “wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele Gott zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?” (Psalm 42, Verse 2+3) Der Schrei nach Gott ist tief in der Geschichte des Gottesvolkes verwurzelt und die Sehnsucht nach Klarheit ist nicht erst eine Frage unserer Zeit! Es müssen nicht Engel mit Flügel sein, die den Himmel offen halten; Gottes Engel brauchen keine Flügel - aber es braucht Frauen und Männer, die Gottes Liebe zu den Menschen tragen.

Wir bleiben stehen und blicken noch einmal zurück. Die ORGELEMPORE zieren einfache Symbole. Das Instrument ist eine der ersten Nachkriegsorgeln der Fa. Steinmeyer und lässt, in bescheidenem Rahmen, interessante Klangkombinationen zu, müsste aber durch ein 8-Fußregister ergänzt werden, um das Repertoire erweitern zu können. Dass es in der Gemeinde auch in Zukunft keine Organistenstelle geben wird, ist ein Wermutstropfen, denn die Gemeinde singt gerne und gut. “Singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen” ist sicher ein schönes Motto für die Kirchenmusik, aber wenn die Orgel spielt, der Kirchenchor singt ein Posaunenchor bläst oder das Cembalo benützt wird, oft im Zusammenwirken mit anderen Instrumenten, klingt alles eben doch noch viel schöner!

Auch ein Blick nach oben lohnt sich: Holzleisten gliedern quadratisch, in Kreuzform, die weiße DECKE; sie sind in einfacher Fassmalerei gehalten. Das blasse Grün und das stumpfe Rot erinnern, wie auf mittelalterlichen Altartafeln, an das erlösungsbedürftige Leben und bringen, wie Besucher immer wieder feststellen, durch ihre Symmetrie Ruhe in den Kirchenraum.

Der große, runde schmiedeeiserne RADLEUCHTER, aufgehängt an einer Kette, versinnbildlicht in seinen acht Streben die Erde mit den sieben Planeten. Die Sonne im Mittelpunkt, Strahlenscheibe und Auferstehungssymbol, korrespondiert auf der Außenseite mehrfach das griechische Kreuz (crux quadrata); zusammen verweisen sie auf Christus als Licht der Welt, wobei an den ‘bewohnten Erdkreis’, an die ‘Ökumene’ zu denken ist. Um seine Wirkung voll zu erfassen, muss man sich direkt unter die Schmiedearbeit stellen.

Zu diesem Kronleuchter fügt sich auch der GEBETSLEUCHTER, ein modernes Lebensbaummotiv, mit seinen geschwungenen ‘Wurzeln’ fest auf die ‘Erde’ gegründet. Aus einer ‘Knospe’, dem Symbol für ‘Hoffnung über den Tod hinaus’ entfaltet sich das Blattwerk, das für die Vielfalt der Begabungen einer Gemeinde steht. Diese Charismen wirken über die Ortsgemeinde hinaus, darum die ‘Weltkugel’, deren Abschluss ein ‘Kugelkreuz’ bildet, ähnlich dem der Kupferhaube des Taufsteins. Die schwarze Holzschnitzerei in der Mitte des Gebetsleuchters stellt ‘Menschen in Gemeinschaft‘ dar und ist ein Geschenk aus Kidugala, unserer afrikanischen Partnerkirche. Besucher unserer Kirche haben die Möglichkeit, auf diesen Leuchter ein Taizé-Licht zu stellen, verbunden mit einem guten Gedanken, einer Bitte an Gott, einem Dank, einer Klage, einem Lobpreis oder auch nur in stillem Gedenken: “Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte, und ein Licht auf meinem Wege.” (Psalm 119, Vers 5) Moderne Technik macht es möglich, dass dieses Wort an jeder Stelle der Kirche in gleich guter Qualiät zu hören ist.

Bevor wir die Kirche durch die rechte Sakristei verlassen, werfen wir noch einen Blick zur Kanzel, zum Altartisch und zum Taufstein: “Wort und Sakrament” sind seit den Tagen der ersten Christen die Kraftquellen, aus denen sich christlicher Glaube nährt.

Wenn wir wieder ins Freie treten, braucht das Auge eine Weile, bis es sich an das helle Tageslicht gewöhnt. Wo der schmale Gehweg zur Moritzbergstraße hinunter abbiegt, hat man nach rechts den schönsten Blick auf die Kirche, von der viele Menschen in Laufamholz sagen können: “Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.” (Psalm 26, Vers 8)

 

Brunnen auf dem Weg
Bildrechte: Michael Wörner

Ehe wir auf der Moritzbergstraße in Richtung Brunnen gehen, machen wir einen Abstecher: Wenige Meter durch das schmale Gäßchen nach links hinauf zur Straße Am Doktorsfeld, dann wieder links, bis wir in großen Lettern lesen: EVANGELISCHES GEMEINDEHAUS. Der viergruppige Kindergarten sowie die Räume der Diakoniestation Laufamholz in Trägerschaft des Gemeindevereins, die Jugendräume, der große und kleine Gemeindesaal, - alle diese Räume laden ein zu Begegnung und Gespräch, zu Aktion und Feier, zu Beratung und Entscheidung auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Der neu eingebaute Aufzug verbindet schon rein äußerlich unterschiedliche Stockwerke mit ihren jeweils dazugehörigen Funktionsräumen. Unter den sog. “Werken der Barmherzigkeit” (Matthäusevangelium Kapitel 25, Verse 31-46) kommt heute in unserem Stadtteil vor allem der ambulanten Pflege eine besondere Bedeutung zu. Sie ist aus der 95-jährigen Geschichte des Evang.- Luth. Gemeindevereins e.V., wie die offizielle Bezeichnung lautet, nicht wegzudenken; aber das ist ein eigenes Kapitel und sprengt den Rahmen eines Besinnungsweges.

Von der inneren Struktur her ist das “Haus Gemeinde” im Sinne des Apostels Paulus “lebendiger Organismus” (1. Korintherbrief, Kapitel 12) und für das Zusammenwirken der Christen in einer Gemeinde gilt: “Jeder nutze das besondere Charisma, das er empfangen hat, als besondere, heilsame Gabe, die - für Menschen unerklärbar - auf den Himmel zurückweist. So setzt eure Charismen als Dienste in der Gemeinde um, weil die Gnade Gottes vielfältig ist und Menschen verlangt, die sich in Gottes Haus auskennen.” (1.Petrusbrief, Kapitel 1, Vers 10)

 

Wir nehmen den gleichen Weg zurück und gehen auf der Moritzbergstraße nach links Richtung “Laufamholzer Plärrer” bis zum neu errichteten BRUNNEN - den Jahreszeiten entsprechend, immer mit Pflanzen und Blumen bestückt. Am schönsten ist er als Osterbrunnen, jedes Jahr wieder in einer neuen Variante von einer Gruppe Frauen mit Girlanden und handbemalten, echten Ostereiern geschmückt, wobei Jung und Alt zusammenhelfen. Leider ist der Brunnen nur ein Trockenbrunnen und lässt eher an eine Zisterne denken als an “lebendiges Wasser”.

Trotzdem ist es gelungen, eine alte Tradition, um die sich auch manches Brauchtum rankt, wiederzubeleben. In der “Fränkischen Schweiz”, in Engelhardtsberg, wird z.B. in der Nacht von Karsamstag zum Ostersonntag das Osterfest an den Osterbrunnen mit Liedern eingesungen, darunter auch “O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Osterzeit. Welt lag in Banden, Christ ist erstanden, freue, freue dich, o Christenheit!...Tod ist bezwungen, Leben errungen: freue, freue dich, o Christenheit.”

Unser Besinnungsweg führt uns nun, auf der Moritzbergstraße links weiter, zur Winner Zeile. Wir folgen ihr bis zur verkehrsreichen Laufamholzstraße, die wir überqueren. Auf dem Weg mit der Markierung Blaupunkt gehen wir durch die Allee zum HERRENSITZ OBERBÜRG, dessen Geschichte u.a. eng mit Pietismus verknüpft war.

Unterbürg
Bildrechte: Michael Wörner

Als “Pietisten”, als “Frömmler” wurden jene Christen verspottet, die einer erstarrten protesantischen Orthodoxie ihre persönlichen Jesuserfahrungen entgegensetzten und auch in politischen Wirren ihr Bekenntnis zu Jesus Christus nicht verleugneten. Vor allem das Geschlecht der Grafen von Zinzendorf hat Beziehungen zu Laufamholz, namentlich zum Herrensitz in Oberbürg. Ihre Geschichte ist hineinverwoben in die Schicksale der österreichischen Exulanten, die um ihres evangelischen Glaubens willen ausgewiesen wurden. Die Stadt Nürnberg galt als sicherer Hort und Schutz, auch für jene Grafenfamilie.

Oberbürg 2
Bildrechte: Michael Wörner

So weilte NIKOLAUS LUDWIG GRAF VON ZINZENDORF, Stifter der evangelischen Brüdergemeinde in Herrenhut, zwischen 1720 und 1740 öfters auf der Oberbürg zu Besuch. In dieser Zeit gab es eine Bibliothek mit vielen theologischen und religiösen Werken und einen sog. “Zinzendorf - Saal” im Schloß,. Die Chronik schreibt: “Im Zinzendorf - Saal traf sich immer ein frommer Kreis, ‘Pietisten’ genannt. Dieser Kreis war nicht ohne Segenseinfluß auf die Gemeinden Mögeldorf und Laufamholz.” Allerdings war auch herbe Ablehnung zu spüren: “Aufenthalte Zinzendorfs in der Stadt Nürnberg in den Jahren 1733 und 1735 blieben ohne Wirkung. Die Herrenhuter waren nicht erwünscht.” Spuren Zinzendorfs finden sich heute in Oberbürg keine mehr: In der Bombennacht vom 28. auf den 29. August 1943 brannte das alte Schloß Oberbürg total aus. “Einen Tag später sollte die wertvolle Bibliothek des Grafen Zinzendorf verlagert werden, nun wurde sie zusammen mit vielen wertvollen Bildern und dem ganzen Inventar ein Opfer der Flammen.” Was von Zinzendorf bis heute weiterlebt, ist seine Liebe zu Jesus Christus, wie sie in vielen seiner Gesangbuchlieder besungen wird.

So ist die Ruine des Schlosses ein Symbol für Beständigkeit des Glaubens, aber auch für die Vergänglichkeit alles irdischen Lebens. Auf eine eventuelle, künftige Gedenktafel, die an sein Wirken erinnert, könnte man seine Worte schreiben: “Wir wolln uns gerne wagen, in unsern Tagen der Ruhe abzusagen, die’s Tun vergißt. Wir wolln nach Arbeit fragen, wo welche ist, nicht an dem Amt verzagen, uns fröhlich plagen und unsre Steine tragen aufs Baugerüst. Die Liebe wird uns leiten, den Weg bereiten und mit den Augen deuten auf mancherlei, ob’s etwa Zeit zu streiten, ob’s Rasttag sei. Wir sehen schon von weitem die Grad und Zeiten verheißner Seligkeiten: nur treu, nur treu!” (Evangelisches Gesangbuch Nr.254, Verse 1+2)

 

Oberbürg 3
Bildrechte: Michael Wörner

Wir wandern durch die Ruine Oberbürg hindurch in den Pegnitzgrund und dort nach links die Pegnitz entlang. An einer kleinen Stromschnelle gabelt sich der Weg. Wir folgen dem linken, etwas schmaleren Weg und gelangen auf eine Lichtung. Diese überqueren wir auf dem linken Trampelpfad. Wir gehen auf eine freistehende Eiche zu und gehen dahinter links wieder in den Wald. Bei den ersten Häusern gehen wir geradeaus direkt auf das Unterbürger Schloss zu. Wir folgen der Straße nach rechts und stoßen auf die vorletzte Station unseres Besinnungsweges, auf die über fünfhundert Jahre alte QUELLKAPELLE “ZUR SCHMERZHAFTEN MUTTER”, geschaffen von der Laufamholzer Keramikkünstlerin Charlotte Hussenether. Um die Figur in ihrer ganzen Wirkung in der dunklen, vergitterten Kapelle zu sehen, brauchen wir eine Taschenlampe: Keine Königin im Glanz des Heiligenscheins, sondern eine nachdenkliche Frau, deren Haltung an das Motiv “Christus auf der Rast” während seines Kreuzweges erinnert.

Dieser Maria lassen sich viele Stationen des Marienlebens zuordnen: Ist es die Nachdenklichkeit der von Jesus zurechtgewiesenen Mutter bei der Hochzeit zu Kana? Ist es die Trauer über die Entfremdung von ihrem Sohn, dem andere Menschen näher stehen als seine eigenen Schwestern und Brüder? Ist es die Verlassene, die den Weg ihres Sohnes ans Kreuz nur von ferne beobachten kann? Ist es die Einsamkeit zwischen Todesgewissheit und Auferstehungshoffnung, zwischen Karfreitag und Ostern? Ist es die mutige Frau, die sich trotz aller Enttäuschung entschließt, ihr Leben mit den ersten Christen in der Urgemeinde zu teilen? Wie auch immer - dieser Frau glaubt man ihr “Magnificat”: “Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.” (Lukasevangelium Kapitel 1, Verse 46 - 49)

 

Backofenfest 1
Bildrechte: Michael Wörner

Der Rückweg führt uns nach links über den Laufamholzer Kirchensteig bis zum Pegnitzweg. Ihm folgen wir bis zur Laufamholzstraße und wandern Richtung Grundschule Laufamholz auf der Moritzbergstraße weiter. Bei der Schule geht es nach rechts in die Neuhauser Straße, weiter den Fußweg bis zum Seeweiherweg, wo wir nach links zum BACKHÄUSCHEN abzweigen.

Backofenfest 2
Bildrechte: Michael Wörner

Dass hier an besonderen Tagen Brot gebacken wird, ist nicht nur die Wiederbelebung einer alten Tradition und ein beliebter Treffpunkt für Groß und Klein, vor allem für die Kindergartenkinder und ihre Eltern. Brot ist auch eine Erinnerung an Jesus Christus, der sich einmal als “Brot des Lebens” bezeichnet hat.

Müsste ich dort einen Gottesdienst im Freien halten, würde ich die Geschichte vom Propheten Elia am Bach Krit und bei der Witwe zu Zarpat (1.Buch der Könige, Kapitel 17, Verse 1-16) lesen; sie endet mit der Verheißung Gottes: “Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln.” Irgendwann wird die Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Leben gestillt werden, weil der Herr selbst mein Hirte ist und mir nichts mehr mangeln wird - es sei in diesem oder im ewigen Leben. So leben wir alle von der Treue Gottes.

 

Wenn wir die Brandstraße erreicht haben, schließt sich der Kreis. Wer sich Zeit nimmt diesen Weg zu gehen, braucht etwa eine Stunde - “eine Stunde der Besinnung!”

Gott befohlen!

 

Werner Schlögl
(aktualisiert von Daniela Küster)